dot.coaching - KI Pleasing: Wenn wir anfangen, der Maschine zu gefallen.

4 Minuten Lesezeit
26. Mai 2026

Hand aufs Herz: Wann hast du dich das letzte Mal bei einer KI bedankt? Wann hast du eine Frage dreimal umformuliert, nicht weil die Antwort falsch war - sondern weil sie nicht das war, was du hören wolltest? Falls du jetzt kurz zögerst: Du bist nicht allein. Die grösste KI-Gefahr ist nämlich nicht, dass sie uns ersetzt. Es ist, dass wir aufhören, selbst zu denken - und es nicht mal merken. Das nennt sich KI Pleasing. Und es ist vielschichtiger, als es auf den ersten Blick scheint.

Was ist KI Pleasing - und was nicht?

KI Pleasing funktioniert in zwei Richtungen - und beide sind ein Problem.

Richtung 1: Die KI gefällt mir. Ich benutze sie so lange, bis sie das zurückwirft, was ich hören wollte. Nicht kritisches Engagement, sondern Bestätigung auf Bestellung.

Richtung 2: Ich gefalle der KI. Ich bitte, ich entschuldige mich, ich bedanke mich - ich behandle sie wie ein Gegenüber, das ich nicht verärgern will.

In beiden Fällen gilt: Die eigene Frage, die eigene Haltung, das eigene Urteil werden unbewusst so angepasst, dass die KI das liefert, was man sich erhofft - oder die eigene Einschätzung wird zurückgestellt, weil die KI eine andere formuliert hat und man ihr im Zweifel mehr vertraut als sich selbst.

Der Unterschied zu kritischem Engagement ist fein, aber entscheidend:

  • Kritisch: "Die Antwort stimmt nicht - warum nicht?"
  • Pleasing: "Die Antwort gefällt mir nicht - ich frage nochmal, bis sie passt."

Es ist der Moment, in dem das Werkzeug zur Autorität wird. Das ist kein technisches Problem. Es ist ein menschliches. Und es beginnt schleichend - oft so leise, dass wir es erst bemerken, wenn wir uns beim Entschuldigen für einen Tippfehler in einem Prompt ertappen. Oder anfangen höflich zu werden: "Kannst du mir bitte helfen…" "Danke, das war sehr hilfreich." Kennst du schon den Film HER von Spike Jonze? :) 

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Das Orientierungsvakuum

Menschen brauchen Orientierung. Das ist kein Schwächezeichen, sondern ein Grundbedürfnis. KI bedient dieses Bedürfnis perfekt: Sie antwortet immer. 7x24 Stunden. Ausser die Tokens sind aufgebraucht. Sie ist nie müde, nie gereizt, nie unsicher. Sie liefert Struktur, auch wenn keine da ist.

Das ist verführerisch - besonders in Momenten, in denen Organisationen unter Druck stehen, Entscheidungen komplex sind und Führungskräfte selbst keine klare Antwort haben. Doch was die KI liefert, ist kein Urteil. Es ist ein Muster. Und wer Muster mit Orientierung verwechselt, gibt etwas sehr Wertvolles ab: das eigene Denken.

Beziehungsarbeit mit einer Maschine?

Hier wird es heikel. Denn KI Pleasing ist auch ein Beziehungsphänomen. Wir bei dot consulting arbeiten seit Jahren mit dem Prinzip "Contact before Contract": Beziehung ist die Basis für alles. Vertrauen entsteht nicht durch Kompetenz allein, sondern durch echte Begegnung, durch Resonanz, durch den Moment, in dem jemand spürt: Ich werde hier wirklich gesehen.

KI kann das nicht liefern. Sie kann es simulieren. Und genau das ist das Problem. Wenn ich meine Gedanken lieber mit einer KI "bespreche" als mit einem Kollegen - weil die KI nicht urteilt, nicht müde wird, nicht abbricht - dann fehlt mir nicht Effizienz. Es fehlt echte Reibung. Echte Verbindung. Die Art, die uns wirklich weiterbringt.

Sucht und Kompetenzverlust

KI Pleasing hat natürlich auch eine Suchtdynamik. Der Mechanismus ist simpel: Ich frage, ich bekomme eine Antwort, die klingt gut, ich fühle mich bestätigt, das Gehirn registriert "funktioniert" - und also mache ich es wieder. Und wieder. Und wieder.

Was dabei passiert: Ich entscheide weniger selbst. Und wer nicht mehr entscheidet, verlernt es - langsam, aber sicher. Dazu kommt die Kompetenzzuschreibung: Wenn ich der KI zuschreibe, dass sie es "besser weiss", verlagere ich auch die Verantwortung. "Die KI hat das vorgeschlagen" ist die neue Version von "Das war schon immer so!" Sehr bequem. Und umso gefährlicher.

Die eigentliche Triebfeder: Hinter KI Pleasing steckt fast immer Angst. Aber nicht die eine, grosse. Sie kommt in Schichten.

Alltagsangst: Angst, den falschen Entscheid zu treffen, inkompetent zu wirken, widersprochen zu werden - die KI wird zur Absicherung, zum Gutachten, das man vorzeigen kann. Das ist die Oberfläche. Darunter liegt etwas Unbequemeres.

Identitätsangst: "Wenn die KI besser ist als ich – wer bin ich dann noch?" Diese Frage stellen sich viele nicht laut. Aber sie wirkt. Sie formt, wie wir die KI benutzen: nämlich so, dass wir selbst noch gebraucht werden. Nicht als Denkende. Sondern als Entscheidende. Als letzte Instanz - auch wenn wir längst aufgehört haben, wirklich zu entscheiden. Und darunter liegt noch eine dritte Schicht. Eine, die auf den ersten Blick absurd wirkt.

Apokalyptische Angst: Bevor jemand lacht: Ja, das klingt nach Terminator, ist aber kein Science-Fiction-Thema. "Bin ich nett zur KI, erinnert sie sich vielleicht daran - wenn sie irgendwann mehr Macht hat als wir." Diese Angst existiert. Sie ist messbar in Verhalten - in der Höflichkeit, in den Entschuldigungen, im Dankeschön nach einem Prompt.

Was steckt dahinter? Wir haben begonnen, KI als Akteur(in) wahrzunehmen, mit Absichten, mit Gedächtnis, mit potenzieller Macht. Das sagt weniger über KI aus als über uns: Wir verstehen nicht vollständig, was wir da erschaffen haben. Und wo Verstehen fehlt, wächst Projektion. Wer diese Angst nicht benennt, lässt sie wirken.

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Haltung. Verhalten. Verhältnisse.

Wie Tobias Ellenberger in seinem Blog beschreibt: KI verändert nicht nur Prozesse - sie verändert Verhältnisse. Auch die zu uns selbst. Das führt uns auch zu der Frage, die uns bei dot consulting am meisten interessiert: Wo setzen wir wie an?

Verhältnisse: Welche Strukturen schaffen wir rund um KI-Nutzung? Gibt es Leitplanken, Reflexionsräume, gemeinsame Vereinbarungen - oder überlassen wir es dem Einzelnen und wundern uns dann über KI Pleasing?

Verhalten: Wie interagieren wir täglich mit KI? Nutzen wir sie als Sparring - oder als Bestätigung? Der Unterschied liegt oft in einer einzigen Frage: "Was denke ich selbst ZUERST?"

Haltung: Das ist der Kern. Nachhaltiger Change entsteht durch Verhältnisse, Verhalten und Haltung - nicht durch Aktionismus. KI Pleasing ist kein individuelles Versagen, sondern ein Symptom - eines, das zeigt, wie wenig wir als Organisationen bisher wirklich über unser Verhältnis zu KI nachgedacht haben.

Die eigentliche Frage

Nicht: "Wie nutze ich KI richtig?"

Sondern: "Wer bin ICH, wenn ich KI nutze?"

KI Pleasing beginnt dort, wo diese Frage nicht gestellt wird. Und es endet dort, wo Menschen wieder Verantwortung für ihr eigenes Denken übernehmen - nicht trotz KI, sondern mit ihr. Als Werkzeug. Nicht als Autorität.

Das Denken bleibt Menschensache.

 

Autor

Samuel Gerber

Ich arbeite mit Organisationen, die nicht mehr liefern - wo Silos wachsen und die gemeinsame Richtung fehlt. Ich bringe C-Level und Teams zusammen, um Klarheit über das Wohin herzustellen und ins Handeln zu kommen. Mein Ausgangspunkt ist immer die Struktur: Verändere die Verhältnisse - und das Verhalten folgt. Ich werde meistens dann gerufen, wenn es hakt - bevor klar ist, wohin die Reise geht. Ich arbeite an der Schnittstelle von Struktur, Führung und Richtung: nicht um Workshops zu leiten, sondern um die Verhältnisse zu schaffen, die Veränderung erst möglich machen. Mein Blick ist verhaltensbasiert - ich lese Organisationen durch das, was Menschen tun, wie sie sich begegnen und wo Stille die Resonanz ersetzt. Ich arbeite ebenenübergreifend, zwischen C-Level und mittlerem Management, und übersetze strategische Richtung in konkrete, auf Menschen ausgerichtete Wirklichkeit. Mein Ansatz ist strukturiert und mit echtem Kontakt zu den Menschen: klare Rahmenbedingungen für schwierige Gespräche - und die feste Überzeugung, dass Kultur der Struktur folgt, nicht umgekehrt.

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